Gluckenlose Kükenaufzucht – Mit Herz und Verstand zu gesunden robusten Tieren

Frau Mag. Beate Schuller, arbeitet als Tierärztin in Österreich und hat 2009 in Seitenstetten ihre eigene Praxis mit den Schwerpunkten Geflügel- und Kleintiermedizin gegründet. Einige Jahre später schloss sich ihre erfolgreiche Praxis mit drei anderen Praxen zum Tierärztenetzwerk VETWorks zusammen und leitet die Abteilung Geflügel.

VETWorks Seitenstetten ist heute nicht nur ein Ansprechpartner für landwirtschaftliche Geflügelbetriebe in ganz Österreich und Süddeutschland, sondern auch führendes Zentrum für die Behandlung von Hobby- und Rassegeflügel.

Wir freuen uns sehr und sagen ein herzliches Danke an www.vetworks.at für den lehrreichen Gastbeitrag auf unserer Silverudds- Seite!

Gluckenlose Kükenaufzucht – Mit Herz und Verstand zu gesunden robusten Tieren

Zu Beginn Ihres Lebens sind die frisch geschlüpften Küken auf eine für sie perfekt abgestimmte Umgebung angewiesen. Was eine Glucke meist intuitiv richtig macht, müssen menschliche GeflügelhalterInnen mit Fachwissen und Erfahrung wett machen.

In den ersten Lebenswochen stellt eine auf die Tiere abgestimmte Temperaturkurve einen essenziellen Faktor für eine gesunde Entwicklung dar. Neugeschlüpfte werden bei 35-36 Grad Celsius eingestallt, wobei die Temperatur täglich abgesenkt wird, sodass gegen Ende der 1. Lebenswoche eine Stalltemperatur von 31-32 Grad Celsius erreicht ist. Eine anschließende schrittweise langsame Absenkung der Temperatur erfolgt in 2,3 Tagesschritten. Küken können ihre Köpertemperatur nicht selbstständig regulieren, daher ist es so wichtig auf eine passende Umgebungstemperatur zu achten! Dabei wird sich zum einen auf ein auf Höhe der Küken angebrachtes Thermometer verlassen, zum anderen erkennen wir am Verhalten der Tiere, ob es Ihnen zu kalt oder zu warm ist. Unterkühlte Tiere drängen meist zu einem Haufen zusammen, während überhitzte Tiere versuchen der Wärmequelle auszuweichen und sich z.B. an den Rand des Kükenheims drängen. Um auf Nummer sicher zu gehen, empfehle ich gerade in den ersten Lebenstagen gezielte Körpertemperaturchecks mittels eines Infrarotthermometers über Distanz oder direkt an der Kloake. Die Körpertemperatur der Tiere sollte zwischen 40 und 41 Grad betragen. Diese Messungen sind ein perfektes Instrument, um die eingestellte Stalltemperatur zu überprüfen und gegebenenfalls anzupassen. Temperaturtabellen dienen als Richtwerte, sind aber auf sämtliche individuelle Gegebenheiten anzupassen! Als Wärmequellen werden in der Hobbyhaltung gerne Wärmeplatten, Strahler oder Lampen benutzt. Möglich ist vieles, Faktoren wie Kosten, Reinigungsfähigkeit und Strombedarf sind zu kalkulieren. Wichtig ist, dass der perfekte Temperaturbereich allen Küken zugänglich ist und nicht schwächere Tiere in einen kühleren Randbereich gedrängt werden. Sollte die Wärmequelle auch Licht absondern (zB Rotlichtlampen) so ist zu bedenken, dass eine Dunkelphase gesetzlich zwingend vorgeschrieben ist. In der Praxis wird gerade in der ersten Nacht den Tieren ein minimales Notlicht zur Verfügung gestellt um ausreichend Zeit zu haben Futter und Wasser zu finden. Danach ist von einer Dauerbeleuchtung dringend abzuraten, Verhaltensauffälligkeiten werden dadurch gefördert. Im Zusammenhang mit einer optimalen Temperatur ist auch die Luftfeuchtigkeit zu beachten. Diese sollte beim Einstallen zwischen 50-60% betragen. Aufzuchtstallungen mit Außenklima haben meist eine ausreichend hohe Luftfeuchte (in Abhängigkeit von der Jahreszeit), problematisch sind Aufzuchten in beheizten Innenräumen. Hier ist die Luftfeuchte oft zu gering und sollte mit Sprühnebel oder Verdampfern angehoben werden. Merke: Je höher die relative Luftfeuchtigkeit desto geringer kann mit der Temperatur gefahren werden.

Ein weiterer wichtiger Umgebungsfaktor ist die Bodenbeschaffenheit bzw. die Einstreu. Die Tiere sollten auf warmem, trocknem Boden stehen und guten Halt finden. Geeignet sind spezielle Produkte auf Basis von Lignozelluose, aber auch leicht verfügbare Materialien wie Hobelspäne oder auch Stroh. Wichtig ist darauf zu achten, dass die Tiere die Streu nicht mit Futter verwechseln und sich den Magen mit Einstreu vollschlagen. Tritt dies auf so können die Tiere ein paar Tage auf Einwegkrankenunterlagen untergebracht werden. In kurzer Zeit sollten sie das Futter und die Futtergefäße kennen. Nicht empfehlenswert sind glatte rutschige Böden wie zB Zeitungspapier, die Beinfehlstellungen fördern können. Grundsätzlich punktet eine brauchbare Einstreu mit den Faktoren: Hygiene, Abtrocknungsfähigkeit, Rutschfestigkeit und Beschäftigungswert.

Eine Empfehlung, die ich allen Hühnerzüchtern sehr ans Herz legen kann: Kunstbrutküken erhalten keine natürliche Flora von Ihrer Mutter, da diese ja in der Aufzucht fehlt. Um den Tieren eine optimale Entwicklung einer gesunden Darmflora zu ermöglichen, können sie direkt nach dem Schlupf mit einer speziellen Geflügeldarmflora aus einer tierärztlichen Hausapotheke ausgestattet werden. Diese wird über die Tiere gesprüht oder einfach im Trinkwasser angeboten. Zum einen wird der Darmtrakt direkt mit erwünschten Keimen besiedelt, zum anderen werden unerwünschte Keime wie zB Salmonellen im Sinne der Competitive exclusion verdrängt.

Somit sind wir auch schon bei der Gesundheitsvorsorge angelangt: Für Geflügel sind eine Menge Impfstoffe zugelassen – es ist immer eine Abwägung des künftigen Verwendungszwecks der Tiere, der Wirtschaftlichkeit und letztendlich der Verfügbarkeit – welches Programm empfohlen werden kann. Verallgemeinernd kann jeder HalterIn aufgrund der sehr hohen Verbreitung eine Impfung gegen die Marek Krankheit am 1. Lebenstag empfohlen werden. In der 1. Lebenswoche ist ebenso eine Impfung gegen Kokzidiose angeraten. Hier zahlt es sich finanziell aus abzuwägen, welcher Kokzidienimpfstoff Verwendung findet. So werden beispielsweise bei kurzlebigen Masttieren günstigere Vakzine als bei langlebigen Zuchttieren eingesetzt. Für in Deutschland lebende Hühner und auch für künftige Ausstellungtiere, die Deutschland ausgestellt werden sollen, ist eine ND Impfung vorgeschrieben. Ja nach Infektionsdruck macht es Sinn früh im Leben der Tiere gegen Gumboro und Infektiöse Bronchitis zu impfen. Die Erstellung eines angepassten Impfplanes sollte gemeinsam mit dem Betreuungstierarzt erfolgen.

Zum guten Gedeihen der Tiere gehört natürlich auch ein passendes Futtermittel. Ich empfehle dringend hierbei geflügelkundigen Futtermittelproduzenten zu vertrauen und auf ein angepasstes Alleinfuttermittel für Küken zu setzen. Versuche mit selbst zusammengestellten nicht überprüften Rationen sind leider häufig Experimente auf Kosten der Tiergesundheit! Wichtig zu wissen: Es gibt Kükenfutter für Lege- oder Masttiere, Rassetiere und auch andere Geflügelarten. Ziehen Sie Tiere für eine Mast auf so ist sicher ein Mastkükenfutter geeignet. Möchten Sie Rassezuchttiere großziehen ist es von der Rasse und Ihrer künftigen Legeleistung abhängig, ob eher ein Legekükenfutter oder doch ein Rassekükenfutter empfohlen werden kann. Gerade bei extensiven oft großwüchsigen Tieren kann ein Nährstoffüberschuss zu Problemen führen und diese Tiere sind besser mit einem speziellen Rassegeflügelkükenfutter beraten. Manche Kükenfutter enthalten Zusatzstoffe, die gegen die Entwicklung einer roten Kükenruhr (Kokzidiose) helfen sollen. Diese sind bei gegen Kokzidien geimpften Tieren nicht zu verwenden! Egal für welches Futter Sie sich entscheiden, achten Sie darauf, dass alle Komponenten aufgefressen werden bevor nachgefüllt wird – ansonsten kann es zu Fehlversorgung der Tiere kommen. Magensteinchen aus dem Landesproduktenhandel können separat bereits ab der 2. Lebenswoche ohne Problem angeboten werden. Die Größe sollte an den Entwicklungszustand der Tiere angepasst sein. Wasser ad libitum in Trinkwasserqualität rundet die Ernährung der Tiere ab. Zusätzlich können die Tiere in Maßen mit Frischfutter wie zB angetrockneten Brennnessel, gekochtem Ei oder geraspelter Karotte als Leckereien verwöhnt werden.

Damit die Nachzucht sich auch verhaltenstechnisch gut entwickelt ist sehr früh im Leben ein Beschäftigungsangebot anzubieten. Dies können Strohhalme, Picksteine, Sandbäder und erhöhte Ebenen darstellen. An diesem Punkt sei angemerkt, dass eine Einzelaufzucht beim Huhn weder tiergerecht noch gesetzlich erlaubt ist.

In diesem Sinne: Viel Freunde mit der Geflügelzucht, Tierärztin Mag. Beate Schuller www.vetworks.at